Trümmerfrauen in Berlin
Die Alliierten setzten ihre massiven Luftangriffe auf die deutsche Zivilbevölkerung in unverminderter Härte fort, obwohl es dazu keinen militärischen Sinn mehr gab. Nicht nur die ehemalige Reichshauptstadt (zerstört am 03.02.1945 mit über 20.000 Toten), sondern nahezu alle größeren Städte, so beispielsweise das schwer getroffene Magdeburg am 16./17.01.1945 oder das am 13/14.02.1945 bombardierte Dresden - welches überfüllt mit Flüchtlingen aus dem Osten war, wie auch Pforzheim am 23.02.1945, Essen am 11.03.1945, Dortmund am 12.03.1945, Nürnberg und Würzburg am 16.03.1945, Leipzig am 10.04.1945, Kiel und München am 25.04.1945, weiterhin Städte wie Paderborn, Münster, Potsdam und Hildesheim - lagen nach Kriegsende in Schutt und Trümmern. Es galt ca. 400 Millionen Kubikmeter Trümmer - alles in Eisenbahnwaggons verladen, würde das einen Güterzug von 160 000 km Länge bedeuten; also viermal um die Erde - zu beseitigen.
Entrümmerung wurde notwendig und Wiederaufbau hieß zunächst einmal das Beseitigen der Trümmer. Dies war aber mit körperlich schwerer Arbeit verbunden und so stellte sich die Frage, wer diese Aufgabe zunächst übernimmt? Viele arbeitsfähige Männer waren während des Krieges gefallen, noch nicht aus der Gefangenschaft zurückgekehrt oder mit anderen „männertypischen“ Aufgaben beschäftigt. Der maskuline Anteil als Abrißexperten, Fuhrwerkbesitzer, Trümmerlok-Fahrer, Vorarbeiter, Chefs von Entrümmerungsfirmen oder ähnlichen hielt sich Grenzen. Die Hauptlast trugen die Frauen, junge wie alte.
Die viel zitierte »Berliner Trümmerfrau« gehört als ein Markenzeichen der Nachkriegszeit dieser Stadt ins Reich der Legende.
Um den Mangel an männlichen Arbeitskräften auszugleichen, erlaubte der Alliierte Kontrollrat - der am 05. Mai 1945 die Regierungsgewalt über das in Stücke geschlagene Deutschland übernahm – durch das Kontrollratsgesetz Nr. 32 vom 10. Juli 1946, die Beschäftigung von Frauen für die Bau- und Enttrümmerungsarbeiten. Teilweise wurden sogar die Arbeitsschutzbestimmungen für Frauen aufgehoben. Das Beseitigen der Trümmermassen im schwer zerstörten Berlin, die der Krieg hinterlassen hatte, dauerte bis Anfang der 60 Jahre. Mittlerweile war Berlin zweigeteilt, in Ost und West. Die sowjetische Besatzungsmacht ordnete im Mai/Juni 1945 das Ziel an, die Straßen freizuräumen, Granat- und Bombentrichter zu zuschütten und Gefahrenstellen in öffentlichen Bereichen - zum Beispiel die vom Einsturz bedrohten Fassaden zu beseitigen. Zunächst mussten sich alle Bürger daran beteiligen, später aber nur noch die erfassten Nationalsozialisten.
Ab Sommer 1945 wurde die Entrümmerung zu einer Domäne der Frau. Die geschätzte Zahl der Trümmerfrauen lag allein in Berlin bei 20 000 bis 60 000. Männermangel und die Notwendigkeit die Familie zu ernähren, waren Gründe dafür, daß Frauen die sich zur Entrümmerung meldeten keine Berufsausbildung hatten und somit auf eine bezahlte Beschäftigung angewiesen waren, um ihre Familien ernähren zu können. Mit einem Stundenlohn von 0,72 Reichsmark (der niedrigste Tarif in Berlin!) wurden sie als „Hilfsarbeiterinnen im Baugewerbe" eingestellt. Lediglich einen Vorteil gegenüber nichtberufstätigen Frauen hatten sie. Dieser bestand darin, dass sie besser gestellte Lebensmittelkarten bekamen – Kategorie 2 für Schwerarbeit. Selbst das reichte nicht aus ihre Familien zu ernähren oder sich selbst satt zu kriegen, um den nächsten schweren Arbeitstag zu bestehen.
Auch viele schulentlassene Mädchen wurden im Rahmen des Jugend- Noteinsatzes bis zum Nachweis einer Lehrstelle zur Entrümmerung herangezogen. Ihr Wochenverdienst betrug 1945/46 je nach Schwere der Tätigkeit 18 bis 27 Mark, diesen gaben die meisten zu Hause ab und beschränkten sich auf ein Taschengeld um die 3 Mark, womit sie sich kleinere Wünsche erfüllen konnten. Die Arbeitsbedingungen waren sehr hart. Im Sommer trugen die Frauen Kittel und Schürzen, im Winter warme Kleidung. Bei jeder Witterung standen sie auf der Entrümmerungsstelle. Der Schutt wurde für den Abtransport von Hand zu Hand weitergereicht oder die Mörtelreste von den Ziegelsteinen wurden mit einem Hammer abgeklopft um diese dann zu stapeln. Trotz Handschuhe waren die Hände der Frauen zerschunden. Wegen Ermangelung der Pferde, zogen die Frauen die mit Schutt beladenen Wagen oft selbst oder schoben die beladenen Loren vor sich her. Mit primitiven Arbeitsmitteln, wie etwa Marmeladen- Eimern und dergleichen, wurde die Entrümmerung durchgeführt. Auch Abrissarbeiten, die Bergung von Balken und anderen Baumaterialen gehörten zu den Aufgaben einer Trümmerfrau. Durch die vielen Bomben- und Munitionsfunde waren sie zusätzlich gefährdet. Kaum ein Tag verging ohne Zwischenfälle, die oft körperliche Folgen mit sich trugen. Wiederholt kam es zu schweren Unfällen mit Todesfolge. Hier nur einige Beispiele:
17. November 1945
Beim Einsturz einer Giebelwand, in der Triftstraße 64 (Wedding), wurden neun Frauen begraben
22. März 1946
Bei einem starken Sturm wurden in Alt- Moabit 122 sechs Frauen und ein Mann erschlagen. Eine Hausfassade kippte auf den am Straßenrand abgestellten Bauwagen.
02. Juni 1947
Ecke Charlotten- /Behrenstraße kamen bei Abrissarbeiten sechs Trümmerfrauen und zwei Bauarbeiter zu Tode.
Einst wohlhabende Frauen standen mit Arbeiterfrauen nebeneinander um die Trümmer zu beseitigen. Alle waren gleich. Zwischen ihnen entwickelte sich ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl, das noch lange Zeit bestehen blieb. Frauen, die aus bürgerlichen Kreisen zum ersten Mal zu einem Arbeitsprozess kamen, empfanden die Atmosphäre als wohltuend. Gegenseitige Hilfe, Trost in persönlichen Notsituationen oder einfach nur der Austausch von Kochrezepten waren keine Seltenheit. In manch einer Pause war auch mal Zeit ein Tänzchen zur Leierkastenmusik zu wagen, wie durch Fotos aus jener Zeit belegt wird. Natürlich wurde in dieser Zeit auch das Mitgebrachte, z. B. ein fades Süppchen im Wehrmachts- Kochgeschirr, eine mit Magarine und Kunsthonig bestrichene Stulle, verzehrt. Anschließend ging es wieder an die Arbeit. Unter Berücksichtigung all der Widerwärtigkeiten war die Arbeitsleistung der Frauen einmalig. Doch, in welchem Geschichtsbuch wird von „Trümmermännern“ berichtet?
Die Organisation und der Einsatz der Arbeitskräfte wurde in den ersten Nachkriegsjahren durch den Magistrat und die Ämter für Abräumung in den Verwaltungsbezirken geleitet. Im Spätsommer 1946 befanden sich allein in Kreuzberg täglich 2 000 bis 3 000 Personen, zumeist Frauen, im Einsatz. Später wurden Firmen mit der Beseitigung der Trümmer beauftragt. Der Männeranteil an den Arbeitern stieg damit an. Im Verwaltungsbericht des Bezirkes Prenzlauer Berg vom Januar 1949 heißt es, dass mit der Entrümmerung sieben Firmen mit 46 Männern und 103 Frauen und mit der Beseitigung von Gefahrenstellen sieben Firmen mit 59 Männern und 37 Frauen beauftragt worden sind. Auch der Einsatz von technischen Geräten, wie Splitteranlagen, Bagger, Kräne u. a. erleichterten das Geschehen, was noch immer von körperlich schweren Arbeit überschattet wurde.
Nicht sparsam, eher überschwänglich wurden die Frauen von Presse und Behörden in Ost- und West-Berlin gelobt. Heute erinnert an die Trümmerfrauen nur ein Denkmal, das – ursprünglich in der Rixdorfer Höhe – und nun seit mehr als 10 Jahren in der Neuköllner Hasenheide steht. Katharina Singer schuf eine in sich ruhende Muttergestalt - sitzend auf einem Stapel geputzter Ziegelsteine, die Füße in Holzpantinen und in der rechten Hand einen Hammer haltend. Die Gedenktafel, die am Sockel des Denkmals angebracht ist, verkündet: „In Dankbarkeit den Berlinerinnen gewidmet, die nach dem 2. Weltkrieg als >Trümmerfrauen< die Trümmer der zerstörten Stadt beseitigten und damit ihren Wiederaufbau begründeten.“
Zwei Bronzefiguren, geschaffen von Fritz Cremer 1958, „Aufbauhelferin“ und „Aufbauhelfer“ vor dem Roten Rathaus in Berlin-Mitte verkörpern die zweite Generation, die so genannten NAW-Helfer der 50iger Jahre in Ost-Berlin. Heute erinnern nur noch die „Trümmerberge“ in Berlin an die starke Leistung der Frauen. Kleine Trümmerloks zogen jeweils 15 Kipploren mit Schutt auf den bis zu 45 Kilometer langen Schmalspur- Gleisnetzen durch die Straßen Berlins. So wurde Schutt entweder in Parkanlagen oder sonstigen öffentlichen Plätzen gebracht – das Engelbecken in der Luisenstadt wurde auf diese Weise zugeschüttet – oder zu Verladerampen an die Spree, von wo dieser dann mit Lastkähnen in die Sand- und Kiesgruben am Seddinsee transportiert wurde. Doch mit dem meisten Trümmerschutt wurden Trümmerberge aufgeschüttet, so auch um die Flakbunker im Friedrichshain und Humboldthain, der Teufelsberg am Rande des Grunewalds, der Schäferberg am Wannsee, der Insulaner in Schöneberg oder die „Oderbruchkippe“ im Volkspark Prenzlauer Berg nahe der Landsberger Allee. Später wurden die Trümmer vor allem für den Wohnungsbau verarbeitet.
Mit Beginn der 50er Jahre war der größte Teil der Enttrümmerung geschafft und somit ging auch die Zeit der legendären Trümmerfrauen vorüber. In West-Berlin gingen die Arbeiten vor allem im Rahmen des Notstandsprogramms vom April 1950 zur Bekämpfung der Massenarbeitslosigkeit weiter. In Ost-Berlin wurde die Bevölkerung von der SED zu einem „Nationalen Aufbauwerk“ (NAW) in Form von freiwilligen und unbezahlten Arbeitseinsätzen aufgerufen.
Kerstin für Truemmerfrauen.info

